Finanz- und Aktienmarktkommentar

07.06.2024

EZB: Nach der Zinswende – was nun?
Nach dem Zinsentscheid des EZB-Rats am 6. Juni in Frankfurt, mit der ersten Zinssenkung seit rund 5 Jahren, sind zumindest gleich viele Fragen offen als wie vor der Sitzung.

Denn sowohl in der Mitteilung der Europäischen Zentralbank (EZB) wie auch bei der Pressekonferenz von deren Chefin Christine Lagarde fanden sich, betreffend der weiteren Vorgehensweise, die bereits bekannten Formulierungen – es werde Datenabhängig entschieden und es gebe keinen festgelegten Zinspfad.

Im Prinzip ist dieser Weg auch gut und richtig. Diesmal könnte sich die Zentralbank jedoch selbst das (Zins-) Leben schwerer gemacht haben als nötig. Durch die im Vorfeld schon eindeutig kommunizierte Zinswende blieb dem EZB-Rat genaugenommen gar nichts anderes übrig als zu liefern. Bei der Abstimmung gab es eine Gegenstimme – vom österreichischen Notenbankchef – und einige Stimmberechtigte haben bei ihrer Zustimmung bedenken gehabt, wie eine große Nachrichtenagentur hinter vorgehaltener Hand erfuhr.
Zudem hat die
EZB ihre Inflationsprojektion um 0,2 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent für das laufende Jahr erhöht.

Die Zinsen runter bei gleichzeitig höherer Inflation?

Die Zentralbank argumentiert, dass auch nach in Kraft treten der reduzierten Zinssätze am 12. Juni die Geldpolitik weiter restriktiv bleibe – und dem ist auch so. Es stellt sich die Frage wie es weiter gehen wird. Eine einzige Zinssenkung bringt genau genommen kaum etwas – sieht man einmal davon ab, dass die EZB vor der US-Notenbank (Fed) die Zinswende begonnen hat und der Zinsabstand zu Amerika um weitere 25 Basispunkte größer wurde. Doch wann folgt die zweite Reduktion? Bei der nächsten Sitzung am 18. Juli wohl kaum. Schon eher am 12. September, aber sicher ist das absolut nicht. Die Inflation könnte sich kurz vor erreichen des anvisierten Ziels der Notenbank von 2 Prozent als sehr hartnäckig erweisen und immer wieder Ausbrüche nach oben durchführen. Es könnte die Datenlage im September so ungünstig sein, dass die Zinssätze am jetzigen Niveau belassen werden müssten. Es bliebe dann noch der Herbst für die zweite Reduktion. Dann sollte jedoch eine weitere Zinssenkung durchgeführt werden, denn bei lediglich einer Zinssenkung in 2024 würde die Sinnhaftigkeit hinterfragt werden.

Und Amerika?

In den USA wird das höchste Zinsniveau seit 2001 wohl noch einige Zeit bestehen bleiben. Der US-Jobbericht für Mai, der vom Arbeitsministerium in Washington am 7. Juni veröffentlicht wurde, zeigte einen sehr kräftigen Arbeitsmarkt mit einem für die Inflationsbekämpfung schwierigem – weil hohen - Lohnwachstum.
Zudem hat sich die Teuerung in den USA in den letzten Monaten im Bereich der 3 Prozent festgesetzt. Das heißt, die Inflation geht kaum runter und bricht immer wieder leicht nach oben aus.
Die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt laufen und das trotz des hohen Zinsniveaus. Die Fed wird sich in ihrer abwartenden Haltung bestätigt fühlen und die Fed Funds Rate noch einige Zeit unverändert lassen.
Von Stefan Wozabal

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